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Kamerakino - Drahtseillady Elektra/Du bist mein Fall - Echokammer - Underground Record Label München

Kamerakino - Drahtseillady Elektra/Du bist mein Fall

"Elektra läuft auf einem Strich vor der Tür hin und her" behauptet Dekadenz-Dichter Hugo von Hofmannsthal in seiner Version des Sophokles-Stoffes, und nimmt ganz nonchalant den Schluß des Kamerakino-Klassikers "Drahtseilakt" vorweg, zu hören auf dem 2003er Album "Paradiso". Damals verabschiedete sich die Drahtseillady im Morsealphabet vom Strich - nun kommt sie wieder und hämmert gegen die Tür des Palastes.

Drinnen beschreibt ihr Bruder Orest einen Lauf, der stark an den von Captain Martin Sheen in "Apocalypse Now" erinnert, wie dieser zu "The End" von den Doors im züngelnden Schein der Fackeln ins Zentrum des Dschungelpalastes eindringt um seinen abtrünnigen Vorgesetzten Colonel Marlon Brando zu erschlagen - ein Auftrag der eigenen Regierung. "Father, yes son - I want to kill you. Mother - I want to..." sagt Jim Morrison da. Orest mordet lieber gleich die verhasste Mutter und den Stiefvater sowieso - ganz im Sinne von Elektra. Während die Doors "The End" und alles was danach kam konsequenterweise auf dem Label "Elektra" veröffentlichten, unterlegte Max Reinhardt seine 1903er Inszenierung der Hofmannsthal-Elektra mit einem Meer von Fackeln und der Musik von Richard Strauss.

Erst vor kurzem fiel mir auf, dass die Oberschule, welche ich besuchen musste, direkt an der Achse Elektrastrasse/Hugo-v.-Hofmannsthalweg/Richard-Strauss-Ring gelegen ist. Die Schule öffnete ihre Pforten 1972, zur Hochzeit der Münchner Moderne und der Olympiade und in ihr lernte ich verschiedene Fallbeispiele kennen, vor allem aber die einzelnen Fälle zu deklinieren. So kommen in der Drahtseillady drei Bedeutungsebenen zum tragen: Da ist die Redewendung "Du bist mein Fall" im Sinne von "Du gefällst mir" als Synonym für "Du bist mein Niedergang" ebenso enthalten, wie die scherzhafte Anwendung des Wortes "Fall" auf den Genitiv-Kasus in "Geh nie tief! - Du bist mein Fall".

Der Akkordeonlauf zeichnet dazu eine hübsche Fallbewegung auf, in der einen Version gespielt von Miss Le Bomb, in der anderen von Sandra Juds. Da kommt die Mathematik ins Spiel mit ihren immerfort gegen Null strebenden Kurvendiskussionen, wenn das Drahtseil wie die Assymptote einer Parabelgleichung klingt, was daran liegen mag, dass die Basislinie von einer bekannten afroamerikanischen Rythm&Blues-Gruppe entlehnt wurde, die die Antwort auf die Frage "Was macht die Polka gerade?" mit Loopbewegungen löst. Ex-Richard-Strauss-Konservatoriumsschülerin Polina Lapkovskaya variiert dazu das russische Thema "Die Dame geht über das Seil, als wäre sie ein Telegramm" des Russendisko-Hits "Drahtseilakt" und Marina S malt ein sportliches Cover, welches an die Ästhetik der Münchner Untergrundbahn erinnert, die für Olympia'72 erstmals ihre Pforten öffnete und mit ihren Rock'n'Rolltreppen den Ureinwohnern ein anderes Abwärtsgefühl vermittelte, als jenes des bis dahin üblichen Pater Nosters, welcher auf der Vorderseite der Platte auch noch sanft mit eingewoben ist.

Kamerakino gleiten über die Brücken, die sie zwischen alten und neuen Welten schlagen wie über den Laufsteg ihres eigenen Niedergangs. Elektra verabschiedet sich im antiken Drama nach vollbrachtem Elternmord mit den Worten: "Schweig und tanze! Wer glücklich ist wie wir, den ziemt nur eins: Schweigen und tanzen." Momente später stürzt Elektra tanzend zusammen.

(Pico B.)